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St Issey

Wie Kirchenlieder eine Nation verbinden

Kirchenlieder sind mehr als Musik. Sie schaffen eine Form sozialer und spiritueller Verbundenheit. Man muss nicht gläubig sein, um von zusammenklingenden Stimmen bewegt zu werden, von dem Gefühl, von etwas Größerem getragen zu sein. Für Gläubige bedeutet Singen, mit dem ganzen Körper zu beten: mit Atem, Stimme und Herz.

In einer Zeit, in der die Gesellschaft immer stärker zersplittert erscheint, erinnern religiöse Gesänge an eine einfache, aber kraftvolle Wahrheit: Gemeinsames Singen schafft Gemeinschaft. Ob in der Kathedrale von Truro, in einer kornischen Kapelle oder in der schönen Kirche von St Issey (siehe Foto), überall dort, wo Stimmen sich zu einer Melodie vereinen, wird eine Nation zusammengeführt.

Lieder, die uns weitertragen

Nach einiger Zeit begann ich mich auf meinem Weg zu fragen, weshalb in einer britischen Kirche beinahe jeder die Hymnen mühelos mitzusingen scheint. Kaum erklingen die ersten Töne, setzen die Stimmen wie von selbst ein, als wären die Melodien längst im Raum vorhanden gewesen und müssten nur noch geweckt werden.

Die Antwort liegt nicht allein im Glauben selbst, sondern auch in der britischen Geschichte. Über Jahrhunderte hinweg waren Hymnen weit mehr als Kirchenmusik. Sie wurden in Dorfkirchen und Kapellen gesungen, aber auch in Schulen, bei Erntefesten, Gedenkfeiern, Hochzeiten und Beerdigungen. Ganze Generationen wuchsen mit ihnen auf. Manche Lieder wurden so vertraut, dass sie Teil des kollektiven Gedächtnisses wurden. Sie gehörten einfach zum Leben.

In der römisch-katholischen Liturgie spielte das Lateinische lange Zeit eine bedeutendere Rolle, unter anderem durch den gregorianischen Gesang und feststehende liturgische Gesänge. Ab dem achtzehnten Jahrhundert verliehen englische Geistliche dem Gemeindegesang eine neue Form. Sie schrieben Lieder in einer Sprache, die die Menschen unmittelbar ansprach. Es handelte sich nicht um komplizierte Texte, die allein für einen Chor bestimmt waren, sondern um Worte und Melodien, die eine ganze Gemeinschaft tragen konnten. Später wurden grosse Gesangbücher in ganz Grossbritannien verwendet, und die britische Hymnentradition entwickelte sich allmählich zu einem gemeinsamen kulturellen Gedächtnis.

Während meiner Pilgerreise durfte ich dies mehrfach erleben: während des Dankgottesdienstes nach dem Tod von Königin Elisabeth II., als Praise, My Soul, the King of Heaven in stiller Würde gesungen wurde, und in St Eval, wo Come, Ye Thankful People, Come offenbar allen vertraut war und voller Freude gesungen wurde.

Eine Hymne des Vertrauens

Manche Melodien berühren uns auf eine Weise, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. The Lord's My Shepherd, die Vertonung des 23. Psalms durch John Goss (1800–1880), ist eine solche Hymne. Ihre Kraft liegt nicht in Grösse oder Komplexität, sondern in Schlichtheit, Ruhe und Vertrauen.

Der 23. Psalm, der traditionell König David zugeschrieben wird, berichtet nicht von grossen Heldentaten. Er spricht vielmehr von Führung, Schutz und der Gewissheit, dunkle Täler nicht allein durchschreiten zu müssen. Vielleicht ist es genau das, was gute Hymnen bewirken. Sie führen Menschen nicht nur weiter. Manchmal tragen sie sie auch ein Stück des Weges.

Er gehört zu den bekanntesten Texten der Bibel und zu den beliebtesten Psalmen der christlichen Tradition. Das Bild Gottes als Hirten, der die Menschen zu grünen Weiden und stillen Wassern führt, berührt die Menschen seit Jahrhunderten in Zeiten der Freude, der Unsicherheit und der Trauer.

Bei manchen Hymnen sind es vor allem die Worte, die uns bewegen, bei anderen die Melodie. In The Lord's My Shepherdwirken beide zusammen. Der Text verleiht der Musik Bedeutung, während die Melodie den Worten zusätzliche Tiefe schenkt. Vielleicht liegt genau darin jene spirituelle Dimension, die so viele Menschen anspricht: das Gefühl, nicht allein unterwegs zu sein, sondern von etwas Grösserem getragen zu werden.

Diese Hymne passt auch wunderbar zum Geist des Cornish Celtic Way. Die Route handelt nicht nur vom Wandern durch eine Landschaft, sondern ebenso von einer inneren Reise: von alten Wegen, die Menschen miteinander verbinden, von Stille und Staunen sowie von der Begegnung zwischen Landschaft, Geschichte und Glauben.

The Lord's My Shepherd ist kein überwältigendes Glaubensbekenntnis, sondern eine Einladung, den Weg fortzusetzen. Vielleicht berührt mich diese Hymne deshalb ebenso wie viele andere Menschen. Sie versucht nicht, uns zu überzeugen. Sie begleitet uns.

 

Psalm XXIII The Lord is My Shepherd