Saint Germans

Saint Germans Priory, das Tor zur Cornish Celtic Way

Am Ufer des Flusses Tiddy liegt das ruhige Dorf St Germans. Hier beginnt die Cornish Celtic Way, und nicht zufällig. Das Priorat von St Germans trägt ein geistiges Erbe in sich, das bis in die frühesten Jahrhunderte des Christentums in Cornwall zurückreicht.

Bereits im frühen Mittelalter war dies ein Ort des Gebets und des gemeinschaftlichen Lebens, dem heiligen Germanus von Auxerre geweiht. Im 10. Jahrhundert wurde St. Germans sogar zum Sitz des Bischofs von Cornwall.

Wer die Kirche betritt, spürt sofort etwas von dieser zeitlosen Größe. Die beiden normannischen Türme an der Westfassade machen sie zu einem der eindrucksvollsten mittelalterlichen Bauwerke Cornwalls. Im Inneren begegnen sich romanische Kraft und gotische Anmut, alte Grabsteine und stille Winkel, in denen die Zeit einen Moment lang stillzustehen scheint. Die Nacht zu Beginn meiner Pilgerreise in dieser Kirche zu verbringen, war eine leise, doch besondere Erfahrung.

Der Beginn meiner Pilgerreise

St Germans Priory, Stein als Tor zur Geschichte

Noch bevor man St Germans Priory betritt, zieht die Westfassade sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Die beiden ungleichen Türme sind bereits ungewöhnlich, doch besonders das monumentale Westportal bleibt in Erinnerung. Die normannischen Baumeister gestalteten den Eingang mit tiefen Bögen und reich verziertem Steinmetzwerk, als würden Besucher nicht einfach eine Kirche betreten, sondern eine andere Welt.

Mittelalterliche Kirchen mussten von Menschen „gelesen“ werden können, die häufig nicht lesen konnten. Ihre Botschaft stand deshalb nicht nur in Büchern, sondern auch im Stein. Das Portal war mehr als eine Tür; es war ein Übergang zwischen dem Alltag draussen und der Stille im Inneren.

Wer St Germans Priory betritt, geht nicht einfach in eine Kirche. Das Gebäude scheint mehrere Jahrhunderte Geschichte übereinander zu tragen. Schon bevor die Normannen hier ihre eindrucksvolle Steinkirche errichteten, war dieser Ort ein bedeutendes religiöses Zentrum. Eine Zeit lang war er sogar Sitz der Bischöfe von Cornwall und damit das geistliche Herz der Region.

Die Geschichte Cornwalls lässt sich hier beinahe aus dem Stein herauslesen: sächsische Wurzeln, normannischer Einfluss, mittelalterliche Pilger, die Auflösung der Klöster und schliesslich eine Pfarrkirche, die weiterlebte. Vielleicht liegt genau darin die Besonderheit von St Germans: Es ist weder eine Ruine noch ein Museum. Es ist ein Ort, der niemals wirklich aufgehört hat, lebendig zu sein.

Als Germanus den Ärmelkanal überquerte

Als Bischof Germanus von Auxerre im fünften Jahrhundert Britannien besuchte, existierte Cornwall noch nicht als Grafschaft, wie wir sie heute kennen. Die römische Herrschaft war zu Ende gegangen, neue Mächte entstanden und die christlichen Gemeinschaften suchten ihren Platz in einer sich verändernden Welt.

Wie so oft in Cornwall liegen Geschichte und Überlieferung eng beieinander. Der Überlieferung nach besuchte Germanus diesen Ort um das Jahr 447. Sicher ist, dass seine Erinnerung über Jahrhunderte im Namen des Dorfes und der Kirche weiterlebte.

Später wurden hier Reliquien des Heiligen German verehrt, und St Germans entwickelte sich zu einem Ort, an dem Pilger auf ihrem Weg Halt machten. Vielleicht macht genau das diese Gestalt so typisch für Cornwall: Er ist nicht nur eine historische Persönlichkeit, sondern jemand, der in Geschichten und Erinnerungen weiterwandert, lange nachdem sein irdischer Weg beendet war. Und manchmal sind solche Geschichten so stark, dass sie einer Landschaft eine neue Identität schenken.

Sechs Fenster zum Menschsein

An diesem Abend durfte ich als Pilger Gast in der Lady Chapel sein, direkt gegenüber dem grossen Glasfenster mit den sechs christlichen Tugenden. Als ich am nächsten Morgen erwachte, fiel mein Blick sofort auf die sechs Figuren, die vom Morgenlicht erhellt wurden.

Unter diesen Figuren stehen sechs Begriffe, die tief in der christlichen Tradition verwurzelt sind: joy, justice, charity, praise, hope und faith. Auf den ersten Blick wirken sie vielleicht wie religiöse Begriffe aus einer vergangenen Zeit. Doch wer diese Bildsprache genauer betrachtet, erkennt, wie nah sie noch immer am täglichen Leben sind.

Diese sechs Worte bilden keine Regeln, sondern vielmehr eine Art, das Leben zu betrachten. Werte wie Gerechtigkeit, Hoffnung und Nächstenliebe sind im Laufe der europäischen Geschichte zudem nicht ausschliesslich christliche Werte geblieben. Sie wurden auch Teil einer umfassenderen westlichen humanistischen Tradition: Vorstellungen von Gerechtigkeit, Fürsorge und menschlicher Würde, die auch ausserhalb des Glaubens verständlich bleiben.

Noch bevor ich meinen Rucksack wieder aufnahm, wurde mir bewusst, dass eine Pilgerreise nicht nur mit den ersten Schritten beginnt. Manchmal beginnt sie damit, in der Stille das Licht zu betrachten, das durch ein jahrhundertealtes Glasfenster fällt.

Der Klang der Veränderung

Nach zwei Tagen Reise erreichte ich St Germans Priory und hörte einen Klang, der beinahe feierlich wirkte – als hätte die Kirche meine Ankunft bemerkt. Aus dem Turm erklang ein ungewöhnlicher Rhythmus: kein feierliches Glockengeläut, sondern eine scheinbar zufällige Abfolge von Tönen. Erst später erfuhr ich, dass ich Zeuge einer alten englischen Tradition geworden war: des Change Ringing.

Beim Change Ringing wird keine Melodie gespielt. Jede Kirchenglocke besitzt ihre eigene, feste Tonhöhe. Die Kunst besteht darin, die Reihenfolge, in der die Glocken erklingen, nach genau festgelegten Mustern – den sogenannten Changes – immer wieder zu verändern. Jede Glockenläuterin und jeder Glockenläuter bedient eine einzige Glocke und muss sie im exakt richtigen Moment läuten. Das erfordert Konzentration, Rhythmusgefühl, Teamarbeit und viel Übung.

Für zufällige Besucherinnen und Besucher klingt das manchmal beinahe chaotisch. Doch hinter den Klängen dieser acht Glocken verbarg sich eine erstaunliche Ordnung. Nicht die Glocken mussten gestimmt werden, sondern die Menschen stimmten sich aufeinander ein.

Auf dem Foto sind die Bell Ringers von St Germans Priory bei ihrer Übung zu sehen.

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